Legal Tech – Begriffserklärung, Entwicklung und Auswirkungen auf die Zukunft des Rechts

Legal Tech ist derzeit ein gängiges Buzz-Word und Trendthema im Rechtsbereich. Wie es aber so häufig mit Trendthemen ist, sprechen viele darüber, wobei gar nicht alle wissen, worum es eigentlich geht. Die Unwissenheit oder das vorhandene Halbwissen bestehen dabei zum einen hinsichtlich der Frage was Legal Tech eigentlich bedeutet und zum anderen hinsichtlich dem derzeitigen Entwicklungsstand und den Zukunftstrends von Legal Tech. Mit diesem Artikel bringen wir Licht ins Dunkel. Zunächst erklären wir, was sich hinter dem Begriff Legal Tech verbirgt. Anschließend stellen wir die Entwicklung von Legal Tech und die mögliche Auswirkung auf die Zukunft der Rechtsdienstleistungsbranche dar.

  1. Was verbirgt sich hinter dem Begriff Legal Tech?

Beginnen wir mit der Entschlüsselung des Begriffs Legal Tech. Eine bei Juristen[1] gern gesehene einheitliche Definition des Begriffs existiert ebenso wenig wie eine einheitliche Beschreibung. Vielmehr kursieren verschiedenste Definitionen und Beschreibungen im Netz. So wird Legal Tech zum Teil sehr allgemein wie folgt beschrieben:

Legal Tech setzt sich aus „legal services“ und „technology“ zusammen und beschreibt die Digitalisierung juristischer Arbeiten und Aufgaben.

Ebenso allgemein definieren andere Legal Tech so:

Unter Legal Tech werden gemeinhin Software und Online-Angebote verstanden, die juristische Arbeitsprozesse unterstützen oder vollständig automatisiert durchführen.

Etwas detaillierter definiert Micha-Manuel Bues, Co-Founder von BRYTER und der European Legal Tech Association, Legal Tech-Blogger und Kenner der Szene, das Buzz-Word Legal Tech:

Legal Tech beschreibt den Einsatz von modernen, computergestützten, digitalen Technologien, um Rechtsfindung, -anwendung, -zugang und -verwaltung durch Innovation zu automatisieren, zu vereinfachen und – so die Hoffnung – zu verbessern.

Zusammenfassend lässt sich festhalten: Legal Tech ist ein Kofferwort für ein weites Spektrum an Technologien, Produkten und Anwendungsgebieten, mithin Innovationen, im Bereich der Rechtswissenschaft.

Damit haben wir zwar eine Beschreibung des Begriffs Legal Tech erarbeiten können. Diese Erklärung hilft jedoch nur bedingt weiter, wenn man verstehen will, was sich genau hinter dem Begriff Legal Tech verbirgt. Wie es für einen Oberbegriff üblich ist, fallen nämlich verschiedenste Innovationen unter den Begriff Legal Tech. Zum besseren Verständnis der unterschiedlichen, erfassten Innovationen ist eine systematische Kategorisierung daher unerlässlich. Eine gute Kategorisierung lässt sich entweder nach den Technologien, beziehungsweise ihren Adressaten, oder nach den Entwicklungsstadien der Innovationen vornehmen, wobei es gewiss Überschneidungen gibt.

Eine Kategorisierung nach Technologien sieht vereinfacht so aus: Zum einen gibt es Programme und Anwendungen, die Anwälte in ihrer Arbeit unterstützen. Zum anderen gibt es Plattformen, die Anwälte und Mandanten miteinander vernetzen. Darüber hinaus gibt es Software, die die Rechtsdienstleistungen autonom erledigen kann.

Die Kategorisierung nach Entwicklungsstadien stammt von Oliver Goodenough, Professor der Vermont Law School und Direktor des Center of Legal Innovation. Ihm zufolge gibt es drei Entwicklungsstadien von Legal Tech.

Legal Tech 1.0 umfasst Anwendungen und insbesondere Software, die den Anwalt bei seinen Arbeitsprozessen unterstützen sollen, um diese zu vereinfachen oder effizienter zu gestalten. Anwendungen aus der ersten Entwicklungsstufe sollen den Anwalt folglich lediglich unterstützen, ohne dabei die Rechtsberatung disruptiv zu verändern. Beispiele sind etwa Programme zur digitalen Dokumentverwaltung, Abrechnung oder Kanzleiverwaltung sowie Onlinedatenbanken wie Beck-Online. Mithin also Anwendungen, die bereits seit einigen Jahren im Einsatz sind. In das erste Entwicklungsstadium von Legal Tech fallen aber auch sogenannte E-Commerceportale. Zum einen solche wie 123anwalt.de, die eine Art Online-Marktplatz bilden, auf denen Anwälte und Mandanten in der Art zusammengebracht werden, dass der Mandant den richtigen Anwalt für sein Problem aussuchen kann. Zum anderen Online-Rechtsberatungsportale, welche Ansprüche mittels eines nichtanwaltlichen Dienstleiters durchsetzt, der sich einer Inkassogenehmigung bedient.

In das Entwicklungsstadium Legal Tech 2.0 fallen durch neue Technologien automatisierte Rechtsdienstleistungen. Das bedeutet, dass Software selbstständig anwaltliche Aufgaben übernehmen kann und durch die Automatisierung bestimmte anwaltliche Tätigkeiten, insbesondere im Bereich der Sacharbeit, überflüssig macht. So können etwa Verträge, Klageschriften, Datenschutzverordnungen durch eine spezielle Software (zum Teil) automatisch generiert werden. Aber auch Chatbots, die auf Grundlage gezielt ermittelter Tatumstände die Rechtslage bewerten oder E-Discovery-Software, die Verträge oder andere Dokumente überprüfen, sind Technologien der Legal Tech Generation 2.0.

Legal Tech 3.0 umfasst solche technologischen Lösungen, die es der Software ermöglichen, ganze anwaltliche Arbeitsprozesse und Aufgaben zu übernehmen und nicht nur abgegrenzte Teilschritte. Dabei handelt es sich grundsätzlich um Lösungen, die auf einer vermeintlichen Künstlichen Intelligenz bzw. dem Maschinellen Lernen oder auf der Blockchain-Technologie und Smart Contracts beruhen. Im Bereich Legal Tech 3.0 gibt es zwar schon einige Prototypen, die bereits zum Einsatz kommen. Diese sind jedoch noch nicht so weit entwickelt, als dass sie eine vollendete Lösung darstellen würden.

  1. Entwicklung und Potential von Legal Tech

Nachdem wir beleuchtet haben, was Legal Tech eigentlich ist, wollen wir uns noch die Entwicklung und das Potential von Legal Tech anschauen.

Bis vor wenigen Jahren existierten quasi noch keine technologiebasierten Lösungen für den Anwaltsberuf. Erst seit kurzer Zeit lassen sich starke Entwicklungen in diesem Bereich erkennen. Begonnen haben die Entwicklungen vorrangig in den USA. Europa und insbesondere Deutschland hingen in der Entwicklung zurück. So waren bis 2016 in Deutschland gerade einmal 33 Unternehmen gelistet, die im Bereich Legal Tech tätig sind. Seit dem Jahr 2016 schwappt die Legal Tech Welle aber spürbar nach Europa und auch nach Deutschland über. Dies zeigt sich zum einen an einer stark ansteigenden Anzahl an Rechtsdienstleistern im Bereich Legal Tech. Der Anstieg ist so immens, dass sogar bereits ein europäischer Branchendachverband namens European Legal Technology Association gegründet wurde. Zum anderen macht die zunehmende Anzahl an Veranstaltungen zum Thema Legal Tech, wie zum Beispiel die Berlin Legal Tech Konferenz oder das Legal Tech & Innovation Forum in Frankfurt, die Entwicklung deutlich.

Wo genau die Reise mit Legal Tech für die Rechtsdienstleistungsbranche hingehen wird, ist ungewiss. Das Potential, das Legal Tech zugesprochen wird, ist jedoch beträchtlich. Für Rechtsdienstleister sollen technologische Lösungen insbesondere zu Effizienzsteigerungen und Senkung von Kosten und Fehleranfälligkeit durch weniger menschliches Personal führen. Den Mandanten soll es leichter fallen, bezahlbaren Zugang zu Rechtsbeistand mit einer besseren und transparenteren Betreuung zu erhalten. Mithin prognostizieren führende Stimmen, dass Legal Tech die Rechtsdienstleistungsbrachne stark beeinflussen, wenn nicht sogar grundlegend verändern wird. Prof. Breidenbach sagt etwa eine „Industrialisierung“ des Rechtsdienstleistungsmarktes voraus, bei der juristische Standardleistungen kostengünstig und automatisch erfolgen und Rechtsanwälte nur noch Spezialfälle bearbeiten werden. Eine ähnliche Auffassung vertritt Markus Hartung, der prognostiziert, dass in den nächsten fünf bis sieben Jahren jeglicher Zugang zum Recht online möglich sein wird, wobei die online Rechtsberatung oder Streitschlichtung eher die Regel als die Ausnahme sein wird. Darüber hinaus wird es seiner Meinung nach Software geben, die einen Großteil der Arbeit, die Anwälte heute erledigen, ersetzen kann.

  1. Ausblick

Trotz des außerordentlichen Potentials, das Legal Tech zugesprochen wird, sind sich die Experten einig, dass Legal Tech auf kurz sowie mittelfristige Sicht den Beruf des Anwalts nicht ersetzen, sondern vielmehr gewinnbringend ergänzen wird. Denn noch ist es einem Computer weder möglich, komplexe und außergewöhnliche Sachverhalte zu erfassen, noch empathisch mit einem Mandanten zu interagieren. Ebensowenig ist ein Computer bisher in der Lage, ein menschliches Gerechtigkeitsgefühl zu entwickeln. Damit kann noch Entwarnung für die derzeitigen Jurastudenten gegeben werden. Auch in der Zukunft werden weiterhin hoch qualifizierte Anwälte benötigt. Allerdings werden unternehmerisches Denken und technische Versiertheit deutlich wichtigere Attribute bei einem Anwalt sein als dies heute noch der Fall ist. Eine Anpassung der Juristenausbildung wäre demnach dringend angebracht. Bisher ist aber nur an wenigen Hochschulen, wie der Bucerius Law School und der Ludwigs-Maximilians-Universität München, eine Aufnahme von Legal Tech in das Curriculum zu beobachten. Gewiss werden mit der Zeit auch andere Universitäten nachziehen. Bis dahin bleibt es den Studenten aber selbst überlassen, sich mit dem Thema Legal Tech auseinanderzusetzen – was wir jedem Jura-Studenten nur wärmstens empfehlen können.

 

Quellen

[1] Aus Gründen der leichteren Lesbarkeit wird in dem vorliegenden Beitrag die gewohnte männliche Sprachform bei personenbezogenen Substantiven und Pronomen verwendet. Dies impliziert jedoch keine Benachteiligung des weiblichen Geschlechts, sondern soll im Sinne der sprachlichen Vereinfachung als geschlechtsneutral zu verstehen sein.